Die Musik des Waldes
Lothringer Künstler zeigt selten gewordene Holzskulpturen
Von unserem Mitarbeiter Thomas Illmaier
Lucien Paul Turci zeigt seine „Sculptures“ im großen Saal der Christengemeinschaft, Meckelstraße 2. Der aus Lothringen stammende und heute im Elsaß lebende Künstler arbeitet ausschließlich in Holz: Dieses Material ist ihm seit seiner Kindheit geläufig; denn die Wälder Lothringens waren seine einzige Zuflucht in einer schmutzigen Industriegegend, die von Kunst überhaupt keinen Begriff hatte.
Paul Turcis Umgang mit dem Holz ist wählerisch. Die
besonderen Eigenschaften der Ulme, Eiche, Esche oder Erle werden genau abgewogen
gegenüber dem Thema, das Paul Turci jeweils plastisch darstellen will.
Die Eiche dient z. B. Themen wie „Die Weigerung“, die Esche hingegen
Themen wie der ,,Michaelizeit“ oder „Aufschwung“. Turcis
künstlerischer Weg führte ihn zur ,,Darstellung des Menschlichen.
Diesen Weg bin ich selbständig – ohne Kunstschulen – gegangen.“
Seine Skulpturen als Kunst sind dem Geistigen des Menschen verpflichtet. ,,Für
mich ist jede Kunst, wenn sie Kunst ist, spirituell: Geistige Kunst.“
Turcis Themen sind
Inspirationen aus der Tiefe des Lebens. Eine alltägliche Sache wie eine
,,Begleitung – ein Werk in Lindenholz – wird unter der Hand des
Künstlers zu einem Erlebnis geistiger Führung, die den Menschen
in seiner Anfechtung nicht verläßt und wie schützend über
sein Leben den Mantel breitet.
Jenseits des Figürlichen
entfaltet Turci seine eigentliche Kraft. Die ,,Freien Entwürfe“
in Eiche und Ulme spannen sich vom Dämonisch Maskenhaften unergründlicher
Urkräfte des Menschen bis hin zum hellen Klangerlebnis, wie es einer
Musik des Waldes entspricht, die Turci in eine gewisse Verwandtschaft zu dem
litauischen Maler und Komponisten M.K. Ciurlionis rückt. Die Musik des
Waldes gewinnt hier plastische Gestalt. (Nur bis 8. April).
Bild: Holzskulptur von Paul Turci.
Westdeutsche Zeitung / Generalanzeiger, 1. April 1992, S. 13.