Eine Heimsuchung der schwangeren Frau
Von der Heydt-Museum: Norbert Tadeusz
Die Heimsuchung gehört in der alten lateinischen Kirche
zu den sieben Freuden Mariens. Heimsuchung ist die Annäherung Gottes,
wie sie auch die schwangere Frau erfährt, in der die Schöpfung zu
neuer Gestalt, zu Gottes Ebenbildlichkeit heranwächst. Die Schwangere
als Thema des Malers Norbert Tadeusz läßt indessen eher die negative
Bedeutung, den Fluch der Heimsuchung, die Schwangerschaft als Makel, als Martyrium
erkennen.
Damit greift Tadeusz
ein gesellschaftliches Tabu als Thema auf. Deutschland, so heißt es
seit langem, sei ein kinderfeindliches Land. Dessen scheint sich die Schwangere
in Tadeusz‘ Bildern bewußt zu sein. Bedrohte Schöpfung! Sie
beginnt bereits im Mutterleib. Mitunter wirken die schwangeren Frauen bei
Tadeusz abstoßend, häßlich, anstößig, schamentblößt.
Tadeusz scheint auf die Schwangere mit den Augen einer Zivilisation zu blicken,
in der sich die weiße Rasse evolutionär nicht weiter fortpflanzt:
Von Geburtenrückgang, Vergreisung der Gesellschaft etc. spricht man allenthalben.
Und doch geschieht den Frauen in den Bildern von Tadeusz Sakrales, verehrungswürdig
Religiöses. So in dem vor fünfundzwanzig Jahren entstandenen Bild
,,Sakralraum“, in dem die hochschwangere Frau den heiligen Raum inmitten
eines traurig trivialen Zeitgeschehens stiftet.
Thomas Illmaier
Von der Heydt -Museum Wuppertal: ,,Norbert Tadeusz – Olimpia“,
Ausstellung bis 14. Juli. Ein Katalog der Galerie Gmyrek, Düsseldorf
mit einem Beitrag von Sabine Fehlemann ist für 25 Mark erhältlich.
Bild: „Zweimalzwei mit Flügel“ , 1994 (Öl / Leinwand) von Norbert Tadeusz
DER WEG, 25/1996.