Vom
kleinen Bruder
Elberfelder Brockhaus-Verlag verlegt seit 1822 christliche Zeitschriften
und Literatur
Wuppertal. Brockhaus: Wer denkt da nicht an das schwergewichtige
Lexikon in zwölf oder gar vierundzwanzig Bänden? Der ,,große“
Brockhaus hat noch einen kleinen Bruder, den R. Brockhaus Verlag Wuppertal.
Beide, der Brockhaus-Verlag in Leipzig (heute in Mannheim, inzwischen mit
dem Duden-Verlag fusioniert) und der Brockhaus Verlag Wuppertal haben einen
gemeinsamen Ahnherren, den evangelischen Vikar Eberhard Brockhaus (1642-1680)
in Altena. Er starb sehr früh, mutmaßlich wurde er deshalb nicht
mehr Pfarrer.
Nach dem Tode des
Ahnherrn teilt sich die Linie in den Plettenberger und den Sost-Leipziger
Ast der Familie Brockhaus. Verlegerische Tätigkeiten beider Linien sind
seit dem Ende des 18. Jahrhunderts belegt, entstehen jedoch unabhängig
voneinander. Der Leipziger Brockhaus beginnt mit dem Enzyklopädie-Geschäft,
dessen Anfänge in damaligen Amsterdamer Buchhändlerkreisen zu suchen
sind; der Wuppertaler, genauer: Elberfelder Brockhaus verlegt ab 1822 christliche
Literatur. Verbunden mit der pietistischen Bewegung im Bergischen Land bringt
Carl Brockhaus zunächst christliche Zeitschriften heraus: ,,Der Kinderbote“,
,,Der Botschafter des Heils in Christo“ und schließlich ,,Der
Säemann“, der damals bereits viertausend Abonnenten zählte.
Carl Brockhaus, der
Elberfelder Verlagsgründer, war Lehrer von Beruf. Als Pädagoge kümmerte
er sich um verwahrloste Kinder. Er gab ihnen anhand des Bibelstudiums Unterricht
in Lesen und Schreiben. Auf ihn geht auch die Gründung von evangelischen
Kindergärten zurück, die sich im Elberfelder Erziehungsverein zusammenschlossen.
Die bescheidenen
Anfänge des Verlegers Carl Brockhaus sind schon Mitte des 19. Jahrhunderts
überwunden. Seiner christlichen Überzeugung treu, gibt er 1855 eine
neue Übersetzung des Neues Testamentes heraus. Das war, nach seiner Überzeugung,
notwendig gewesen, weil die Luther-Bibel immer schwerer lesbar geworden war.
Die Übersetzung Luthers, heute revidiert, mußte ja dem zeitgenössischen
Sprachgebrauch jeweils angepaßt werden. 1871 folgt das Alte Testament.
Die Übersetzungen des Neuen Testamentes aus dem Griechischen und des
Alten Testamentes aus dem Hebräischen sind für den Theologen Hermann
Menge richtungsweisend gewesen, der ebenfalls eine Neuübersetzung wagte
(Menge Bibel). Es folgten noch Konkordanzen und andere Hilfsmittel zum Verständnis
und Lesen der Bibel. Die Übersetzung des Alten und Neuen Testamentes
jedoch war die Grundlage für den Aufbau und das weitere Schicksal des
Brockhaus Verlages in Wuppertal.
1856 wurde der Sohn
des Gründers geboren. Rudolf Brockhaus leitete den Verlag bis 1932. Dann
folgten die nächsten Generationen mit Wilhelm und Rolf Brockhaus an der
Spitze des Verlages, der heute von Ururenkel Ulrich Brockhaus geleitet wird.
Die genaue Bezeichnung lautet R. Brockhaus Verlag Wuppertal – R nach
Rolf Brockhaus, dem Urenkel des Gründers.
Die Geschichte des
Brockhaus Verlages ist eng mit Elberfeld verbunden. Der Verlag hat mit dieser
Stadt auch gelitten. Nachdem bereits 1942 alle theologischen Zeitschriften
des Verlages verboten worden waren, wurde er beim Bombenangriff 1943 völlig
zerstört. Die Bestände verbrannten und der Verleger Rolf Brockhaus
stand, nachdem er aus russischer Kriegsgefangenschaft 1949 heimgekehrt war,
vor dem Nichts.
Die Neuanfänge waren bescheiden. In der Privatwohnung der Familie Brockhaus
wurde das Verlagsgeschäft wieder aufgenommen. Seit 1950 erscheinen wieder
regelmäßig Publikationen. Es sind vor allem evangelische Autoren,
in den verschiedenen Landeskirchen aktiv, aber auch einige katholische Autoren,
die vom Brockhaus Verlag Elberfeld verlegt werden.
Nachdem das Sonnborner
Kreuz, die Autobahn in Sonnborn und Hammerstein 1950 gebaut worden waren,
mußte sich der Verlag entscheiden. Der alte Standort in Vohwinkel mußte
der neuen Autobahn weichen. Überhaupt wird jetzt der Standort Wuppertal
fragwürdig, weil die Stadt keinen geeigneten neuen zu bieten hat. So
entschließt sich Rolf Brockhaus, im inzwischen erschlossenen Industriegebiet
Gruiten bei Wuppertal zu bauen. In der Champagne 7 residiert seitdem der R.
Brockhaus Verlag im modernen Verlagsgebäude.
Dem ersten Anspruch des Gründers ist der Verlag bis heute treu geblieben:
Verlegt wird christliche Literatur. Vor aller Bibelliteratur, Literatur zur
Glaubens- und Lebenshilfe, erzählende christliche Literatur und Jugend-
und Kinderbücher, zum Beispiel die biblischen Bilderbücher.
Zu den ersten Autoren
des Verlages gehören Fritz Rienecker und Werner de Boor, die für
die Herausgabe der ,,Wuppertaler Studienbibel“ verantwortlich waren,
die seit den 50er Jahren bei R. Brockhaus erscheint. Derzeitig umfaßt
das Verlagsprogramm etwa 300 Autoren und noch mehr lieferbare Titel. Einige
,,Longseller“ seien hier genannt: Michael Dieterichs ,,Handbuch Psychologie
und Seelsorge“, Reinhold Ruthes ,,Elternbuch“, Hildegard und Michiaki
Hories ,,Umgang mit der Angst“. Nicht zu vergessen ,,Rocky – der
Mann mit der Maske“ – ein evangelischer Roman von Michael Ackermann,
von dem – man höre und staune – 200.000 Exemplare verkauft
wurden. Inzwischen ist die neunte Auflage erreicht.
Die Zahlen sollten jedoch nicht täuschen. Christliche Literatur zu verlegen,
ist ein Zusatzgeschäft geworden – ein Gnadenbrot, das in der Zeit
des Glaubensrückganges immer schwieriger wird anzubieten. ,,Leben“
kann der Verlag von den biblischen Lexika. Vom ,,Lexikon zur Bibel“
(Herausgeber Fritz Rienecker) sind bereits 280.000 Exemplare verkauft; die
zwanzigste Auflage erreicht. Dann entstehen für eine Neuauflage kaum
noch Risikokosten, dann erst wird auch verdient. Diese Gewinnspanne der ,,Longsel1er“
mit starken Auflagenhöhen ermöglicht dann wiederum die Inverlagnahme
eines ,,Newcomers“, der, vollkommen unbekannt, erst einmal seinen Leserkreis
finden muß.
Das Lesepublikum
der Autoren aus dem R. Brockhaus Verlag ist nur ganz vage einzuschätzen.
Der Weg eines Buches, liegt es erst einmal auf dem Ladentisch, gleicht einer
Odyssee. Wer es kauft und wohin es damit wandert, ist ganz unterschiedlich
und kaum voraussagbar. Natürlich kommen ,,Rückmeldungen“.
Zu Ackermanns ,,Rocky“ schrieben Haftgefangene aus deutschen Gefängnissen,
die das Buch gelesen hatten, begeisterte Leserbriefe.
Bibel und Bibelliteratur
bilden jedoch den Kern des Verlagsprogrammes, um den sich die Publikationen
wie der Weinstock um den Stamm ranken. Die Zielgruppe des R. Brockhaus Verlages
ist die christliche Gemeinde, aber nicht nur. Die Tätigkeit des Verlages
ist bestrebt, christliche Literatur zu verkaufen, auch über die Grenzen
der christlichen Gemeinden hinaus. Neuland, das erschlossen werden muß.
Autoren, die in ganz ungewöhnlichen oder ganz gewöhnlichen Situationen
zum christlichen Glauben gefunden haben, sind darum besonders wichtig, weil
sie Menschen ansprechen, die sich nicht so ohne weiteres in den typischen
Situationen des christlichen Lebens, vor allem in der Kirche, wiederfinden,
die aber doch und trotzdem Gott für ihr Leben entdecken. So ist es kaum
noch erwähnenswert, wie der Verlag selbst geleitet wird; ein sensibles
Gespür für das Anliegen christlicher Autoren und ihre potentielle
Leserschaft ist unverzichtbar. Lektorin Alexa Länge läßt sich
bei der Entscheidung für die Buchauswahl von diesem Gespür leiten.
Ulrich Brockhaus umreißt das Profil seines Verlages mit den knappen
Worten: ,,Bücher herausbringen, in denen mit Gott zu rechnen ist.“
Thomas Illmaier
DER WEG, 52/1992, S. 17.