Auch Zufluchtnehmen und Segnung waren möglich
Zum buddhistischen Abend mit Ole Nydal
Wuppertal. Carl Friedrich von Weizsäcker bemerkt in
seinem neuen Buch ,,Zeit und Wissen“ (Hanser Verlag), daß der
interreligiöse Dialog nicht nur mit Juden und Moslems geführt werden
müsse sondern auch mit Buddhisten. Die hätten nämlich etwas
anzubieten, woran es heute allgemein sehr mangele, die ,,Erfahrung der Religion“.
Sie sei, so Weizsäcker, durch die Übung der Meditation zu erwerben,
die für ihn ,,geübte innere Erfahrung“ ist.
Für buddhistische Meditation öffnen sich nun auch Wuppertaler Kirchentüren.
Genauer: die der Immanuelskirche Barmen, die vor rund 125 Jahren als zweite
Predigtstätte der evangelisch-reformierten Gemeinde Barmen-Gemarke erbaut
und 1984 im Zuge der Neuordnung der evangelischen Kirchengemeinden in Oberbarmen
im Interesse weiterer Nutzbarkeit zu einer Kulturveranstaltungsstätte
umgestaltet wurde. Der Trägerverein, dem die Kirche mit ihren Nebengebäuden
übertragen wurde, sieht seine Aufgabe darin, die Kirche zu erhalten und
sie sowohl für kulturelle Zwecke als auch für Kantate-Gottesdienste
zu nutzen. Seinen ,,Gemeindesaal“ stellte er jetzt dem buddhistischen
Meditationslehrer Ole Nydal zur Verfügung. Das Interesse an dieser Veranstaltung
war sehr groß: Der ,,Gemeindesaal“ der Immanuelskirche konnte
die vielen Menschen, die Einlaß begehrten, gar nicht fassen. Und Eintrittspreise
von 15 Mark wurden von den mehrheitlich jugendlichen Besuchern anstandslos
bezahlt.
Der Meister traf
mit einer halben Stunde Verspätung ein und legte gleich los. Wer der
Buddha sei? Nichts Totes sondern lebendiges Prinzip, das jeder in sich entdecken
könnte, um zur Erleuchtung zu gelangen. Zu diesem Zweck lehrt der Tibetische
Buddhismus, für den Ole Nydal spricht, Meditation. Vor allem gehe es,
so Ole Nydal, um das Gewahrwerden des Geistes, seiner Möglichkeiten und
darum, die vielfältigen Möglichkeiten des Geistes zu entwickeln.
Zunächst solle sich der Schüler Buddhas vom Leid der Welt fernhalten
und positive Lebenserfahrungen suchen. Mit Hilfe des buddhistischen Lehrers
entdecke er auf dem Weg der Meditation die Wahrheit des menschlichen Geistes,
der in seiner Reinheit höchste Freude ist. In der Einheit von Wahrheit
und Freude offenbare sich der Buddha-Geist in jedem Menschen.
Durch seine witzige
Art des Vortrags konnte Ole Nydahl besonders die Jüngeren begeistern.
Aber auch die Älteren unter den Besuchern konnten sich dem Witz des Lehrers
nicht entziehen. So entstand die paradoxe Situation, daß in den Räumen
der Immanuelskirche schließlich sogar Personen und buddhistische Ritualgegenstände
gesegnet wurden. Manche ließen sich sogar bekehren, was der Buddhismus
,,Zuflucht nehmen“ nennt.
Thomas Illmaier /red.
DER WEG, 5/1994, S. 12.