Urkraft
und Gebärde
Zu den Gemälden von Choon-Mo Nam
Choon-Mo Nams Gebärdensprache reicht sehr weit zurück:
Sie kommt der tierisch-wilden Vergangenheit des Menschen nahe und wurzelt
in ihr. Choon-Mos Gebärde spricht gleichzeitig den Intellekt des emporgerissenen
Europäers an. Das gibt den Bildern von Choon-Mo Nam die Urkraft der Gebärde,
die zugleich Bewegungsrichtung einer Selbstbefreiung ist, nach der wir Europäer
noch immer suchen.
Choon-Mo Nam, der
seine feine, gelehrte Ausbildung in Korea erhielt, lemte von der Pike auf.
Seit 1983 sind seine ersten Akte in Farbe nachweisbar. Es scheint, man habe
es mit einem nüchternen, koreanischen Cézanne zu tun. Es schließen
sich unmittelbar abstrakte Kompositionen Mitte der 80er Jahre an. Sie werden
immer wilder: Die Erde. als Zentrum der suchenden Gebärde Nams, tritt
deutlicher in seinen Gemälden hervor. Nicht als Form, sondern als Element
wahrer Naturhaftigkeit. Ende der 80er Jahre, Anfang der 90er scheint sich
das abstrakte Beginnen zu erschöpfen. Abgrund und Nullpunkt schließen
sich an. Thematisch: Die Gebärde wird virulent zu Beginn der 90er Jahre.
Gleichzeitig laboriert Nam im Elementaren: Welten unter der Oberfläche
des Sichtbaren, fließend, urschöpferisches Chaos. Die Farben der
Erde kristallisieren sich heraus: Chemisch geradezu die Braun- und Ockertöne
dieser elementaren Vision. Struktur und Geist geben den Einschlag des Jetzt
in den 90er Jahren – ein Erde-Fest: Dem Chaosfluidum werden erste Lichter
aufgesteckt in Gold und Regen.
Nam bevorzugt in
seinen Bildern die Farben der Erde: Lichthafte Ockertöne, gedämpft,
verhalten bilden das Zentrum, das Zeichen, auf grau oder schwarz getufftem
Grunde bildet die Mitte einer sich spannend gespannten Struktur. Nams Gebärde.
Die Wildheit der Geste, einem gespannten Bogen gleich, erstarrt für einen
Moment in der Abstraktion der Freiheit: Gebärde, vibrierend, die Richtung
weisend, in die der Pfeil schnellen will.
Für den Europäer
ein spannendes Ereignis, dem Künstler auf seinen Spuren durch die Elementarkraft
der Natur zu folgen.
Thomas Illmaier
Publikation der Galerie Epikur, Wuppertal 1994.