CHOON-MO
NAM
Rudolf Schoofs auf der einen und Gerhard Richter auf der
anderen Seite. Schoofs grauschwarze Großstadtbilder voller Abgründe
und Warnschlünde. Gerhard Richter mit seiner ästhetisch-hochkarätigen
Farbvision ,,Abstract“. In der Mitte zwischen beiden der Freiheit eine
Gasse: Choon-Mo Nam und seine Gebärdensprache: Beschwörungen der
Erde und der Freiheit des Menschen.
Choon-Mo Nams Gebärdensprache
reicht sehr weit zurück: Sie kommt der tierisch-wilden Vergangenheit
des Menschen nahe und wurzelt in ihr. Choon-Mo Nams Gebärde spricht gleichzeitig
den Intellekt des emporgerissenen Europäers an. Das gibt den Bildern
von Choon-Mo Nam die Urkraft der Gebärde, die zugleich Bewegungsrichtung
einer Selbstbefreiung ist, nach der wir Europäer noch immer suchen.
Choon-mo Nam, der
seine feine, gelehrte Ausbildung in Korea erhielt, lernte von der Pike auf.
Seit 1983 sind seine ersten Akte in Farbe nachweisbar. Es scheint, man habe
es mit einem nüchternen, koreanischen Cézanne zu tun. Es schließen
sich unmittelbar abstakte Kompositionen Mitte der 80er Jahre an. Sie werden
immer wilder: Die Erde, als Zentrum der suchenden Gebärde Nams, tritt
deutlicher in seinen Gemälden hervor. Nicht als Form, sondern als Element
wahrer Naturhaftigkeit. Ende der 80er Jahre, Anfang der 90er scheint sich
das abstrakte Beginnen zu erschöpfen, Abgrund und Nullpunkt schließen
sich an. Thematisch: Die Gebärde wird virulent zu Beginn der 90er Jahre.
Gleichzeitig laboriert Nam im Elementaren: Welten unter der Oberflache des
sichtbaren, fließend, urschöpferisches Chaos. Die Farben der Erde
kristallisieren sich heraus: chemisch geradezu die Braun- und Ockertöne
dieser elementaren Vision. Struktur und Geist geben den Einschlag des Jetzt
in den 90er Jahren – ein Erde-Fest: Dem Chaosfludium werden erste Lichter
aufgesteckt in Gold und Regen. Noch einmal der Einschlag im Hier und Jetzt:
Nams großformatige ,,Gebärde“ Bilder, auch die Farbe kehrt
zurück. Lichthafte Ockertöne, gedämpft verhalten bilden das
Zentrum, das Zeichen, auf graugetufftem Grunde, Mitte einer sich spannend
gespannten Struktur. Die Wildheit der Geste, einem gespanntem Bogen gleich,
so für einen Moment erstarrt die Abstraktion der Freiheit – Geste,
vibrierend, die Richtung weisend, in die der Pfeil Schnellen will.
Die Wandlungen Choon-Mo Nams erregen derart, daß man mehr und mehr sehen
will. Man wird gespannt erregt, erwartet schon das nächste Bild, ist
bereit, dem Künstler auf seinen Spuren durch die Elementarkraft der Natur
zu folgen.
Thomas lllmaier
Text im Einladungsprospekt zur Ausstellung in der Galerie XAC – multikult, Ladengalerie am Theater, Frankfurt/Main, 9/1993.