Hrdlicka, AlfredAlfred Hrdlickas Skulptur ,,Kreuzigung“ in der Kunststation St. Peter in Köln
Ermutigung vom Seelsorger

Die Kirche ist verhängt. Man reduziert. Man fastet. Die Kirchenfenster, selbst Rubens ,,Petri Kreuzigung“ sind verhüllt durch lange, weiße Leinentücher: Es ist Fastenzeit. Man reduziert.
Nur Hrdlickas ,,Kreuzigung“ in der Apsis der Jesuitenkirche St. Peter, Köln ist zu sehen, fleischlich präsent im weiten, geistlichen Raum der Kirche. Dieses vielgescholtene Werk mit seinem prunkenden Genital – ein Bronzeabguß der ,,Kreuzigung“ wurde an besagter Stelle von ,,abwegigen Zöglingen“ (Hrdlicka) des Priesterseminars Salzburg mit Exkrementen beschmiert und mußte entfernt werden – ist bis auf weiteres in dieser alten Kirche zu sehen, in der Rubens‘ Vater begraben liegt und für die der Meister eigens ,,Petri Kreuzigung“ malte. Und nur Hrdlickas ,,Kreuzigung“ ist zu sehen. Alles andere bleibt, solange die Katholiken fasten, also 40 Tage seit Aschermittwoch, verborgen, verhüllt. In der Fastenzeit wird nur das Notwendige gezeigt.
Hrdlickas ,,Kreuzigung“ ist ein Torso, ursprünglich als Sklave konzipiert. Leider wurde die Basis der Skulptur zerstört: Hrdlicka legte Hand an die Plastik, wegen ,,meiner Sucht, alles immer wieder zu überarbeiten“. Der Sklave wurde nicht gerettet. Auferstanden aus dem Unglück ein Christus, der, auf das Äußerste reduziert, nicht nur vom Schrecken kündet, ,,der in der Skulptur gebunden ist“, wie Kirchenherr Jesuitenpater Prof. Friedhelm Mennekes weiß, sondern als Skulptur ,,auch diejenigen bezeugt, auf die sie verweist.“
Alfred Hrdlicka, der marxistisch eingestellte österreichische Bildhauer, wurde von Mennekes auf sein Christentum hin befragt. Da tat sich Ungewohntes auf; der kompromißlose Revolutionär, der sich selbst als rachsüchtig und egoistisch bezeichnet – was Mennekes veranlaßte, den Bildhauer augenzwinkernd als seinen ganz persönlichen ,,Seelsorgefall“ zu vertreten –, dieser Hrdlicka hat wahrscheinlich ebenso viel in der Bibel wie in den Werken von Marx und Lenin gelesen. Am Anfang von Hrdlickas Laufbahn, da ihn noch niemand kannte, er mittellos war, stand ein Satz aus der Bergpredigt, der den Atheisten moralisch geistig über Wasser hielt: ,,Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen bleiben“. ,,Dieser Satz“, äußert Hrdlicka im Gespräch mit Jesuitenpater Mennekes, ,,hat mich mehr berührt als alles andere. Ich habe ihn gelesen vom Standpunkt der Ermutigung.“ Eben dazu ist das Christentum gerade recht.
Mennekes Präsentation ist auch eine Ermutigung, an geistlicher Front vor der zeitgenössischen Kunst nicht die Segel zu streichen. Denn Kunst ist nicht in erster Linie Geld, sondern Selbstverständigung der Gegenwart. Im Hier und Jetzt verankert zu sein, tut auch der Kirche not. Der international agile Jesuitenpater Prof. Mennekes beschäftigt sich mit Hrdlicka seit über zehn Jahren. 198‘7 erschien sein Buch ,,Kein schlechtes Opium. Das Religiöse im Werk Alfred Hrdlickas“.
THOMAS ILLMAIER

Hrdlickas ,,Kreuzigung“ ist in der Kunststation St. Peter Köln bis zum 27. März, Di-Sa 11-17, So 13-17 Uhr zu sehen.

Neues Deutschland, 25.03.1994, S. 11. Bild: „Kreuzigung“ von Alfred Hrdlicka.

Alfred Hrdlickas Torso ,Der Gekreuzigte“, Marmor, 1959.

Neues Deutschland, 25. März 1994, S.11.

 

 




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